Rekritik

Ich muss ja zugeben, dass ein gewisses FDP-Bashing derzeit (nicht ganz zu unrecht) modern ist. Insofern muss man aufpassen, nicht einfach reflexartig „Pfui“ zu schreien, wenn der Parteiname fällt und soll ohnehin nicht alles glauben, was im Fernsehen erscheint. Insofern beziehe ich mich auf einen Gastbeitrag des Mitarbeiters der FDP-Bundestagsfraktion Steffen Rutter bei Carta. So sehr die Carta-Redaktion diesen Beitrag begrüßt, kann ich ihn jedoch wenig teilen und nehme ihn daher als die beabsichtigte Diskussionsgrundlage.

Was mir zunächst missfällt, ist der polemische Stil, der durch sogenannte „Regeln“ unzulässig verallgemeinert. Man könnte bestenfalls anführen, dass auch der Beitrag der monitor-Sendung ironisch gefärbt war – polemisch war er jedoch m.E. nicht. Damit hat oben genannter Gastbeitrag bereits einen schlechten Start für eine sachliche Diskussion.

„Einleitung“)
Ich teile die Ansicht des Autors, dass die Titelgebung der WDR-Sendung irreführend ist, da sie auch in meinen Augen den Inhalt des Beitrags nur am Rande trifft. Wenn jedoch eine Redaktion eigene Modelle vorschlägt würde ich das nicht unbedingt als Reklame bezeichnen.

„Regel 1“)
Die Ausflüchte in Wortdefinitionen („Stabilisierungsmaßnahmen“) halte ich für genauso hilfreich wie den Hinweis, ob der WDR selbst von Rettungsmaßnahmen profitiert. Nicht antwortet Herr Rutter aber auf eine Kernfrage des monitor-Beitrags, warum die Schuldner von Banken, die ihr Geld bei riskanten Geschäften verloren haben ihr Geld eher zurückerhalten als solche, die es in den Mittelstand investiert haben. Es geht nämlich nicht, wie der Autor versucht vorzugaukeln um die Vorteile der Gläubiger, sondern tatsächlich um die Stellung der Schuldner, die durch das Nichtbegleichen von Schulden an Einfluss oder gar die ganze Existenz verlieren könnten.

„Regel 2“)
Hier stellt Steffen Rutter Fakten derart in falschem Zusammenhang dar, dass es bereits selbst nahe an der Unwahrheit ist. Zum Einen macht er aus einem aufgezwungenen Geschäft, das insbesondere zum Zeitpunkt seines Abschlusses als äußerst riskant und unvorteilhaft gegolten hat, nun im Nachhinein, wo es so schlimm nicht gekommen ist, einen vorteilhaften Deal. Darüberhinaus erwähnt er nicht, dass Schuldzahlungen der HRE an ihre Schuldner geleistet wurden. Die HRE gehört nun jedoch zum Bund ebenso wie der staatliche SoFFin. Wo kommen also die Gelder her, die zurückgezahlt wurden?

„Regel 3“)
Hier bemüht der Autor wieder einmal, die für mich immer noch nicht nachgewiesenen Systemrelevanz. Leider kann ich diese mit meinen naiven Betrachtungen auch nicht widerlegen. Implizit entnehme ich seinen Worten jedoch, dass der Mittelstand nicht systemrelevant sei. Denn, wenn Herr Rutter uns glauben machen will, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden soll, erzwähnt er dabei nicht, dass der beispielhaft erwähnte Betrieb lediglich für die Gesamtheit der mittelständischen Betriebe steht. Leider ließen sich diese tausende von Betrieben nicht im Beitrag unterbringen.

„Regel 4“)
Bei der Expertenfrage macht Rutter endlich mal einen Punkt, den er durch seine polemische Art („Pippi Langstrumpf“) auch sogleich wieder verspielt. Auch meiner Meinung nach sind Experten immer zweifelhaft, insbesondere, wenn sie explizit ausgesucht werden. Für beinahe jede noch so abstruse Idee findet sich irgendwo ein Experte, der sie bestätigt. Das gilt allerdings für beide Seiten.

„Regel 5)
Was dieser Abschnitt mit dem Bedienen von Stereotypen zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Auch konnte ich dem Beitrag nicht entnehmen, welcher FDP-Abgeordnete gemeint sein könnte. Ich gebe zu, hier könnte ich beim Betrachten des Berichst unaufmerksam gewesen sein, doch der einzige FDP-Abgeordnete an den ich mich erinnern kann war Herr Westerwelle. Doch egal, um welchen Abgeordneten es sich handelt, sprechen Abgeordnete in meinen Augen immer für ihre Partei, sofern nicht explizit herausgestellt ist, dass es sich um eine Privatmeinung handelt. Das haben auch die Parteien selbst akzeptiert, die rasch zur Stelle sind, wenn es darum geht sich von derartigen „Einzelmeinungen“ zu distanzieren.

„Fazit“)
Gibt es nicht. Pure Polemik und nicht mal wirklich lustig. Eher traurig, da hier die Chance vertan wurde, die wichtigen Punkte, des für mich eher ungeordneten Beitrags herauszustellen.

Mein Gott, was für Leute beschäftigen die denn da bei der FDP-Bundestagsfraktion? Und ist Carta sich wirklich sicher, diesen Beitrag zu begrüßen? Immerhin, und das muss man fairerweise und ausdrücklich feststellen, ist der Beitrag ausdrücklich als „Meinungsbeitrag“ gekennzeichnet und steht wohl nicht für die Meinung der FDP-Bundestagsfraktion oder gar für die ganze Partei.

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