Die Sache der Verantwortung

Einiges ist schief gelaufen in Duisburg und die Folgen mit mittlerweile 21 Toten und hunderten Verletzten auf der Loveparade sind katastrophal und tragisch. Nach so einer Tragödie stellen sie naturgemäß zwei Fragen:

Wie kann man solche Tragödien in Zukunft vermeiden?

Das ist sicherlich schwer, denn wo derart viele Menschen zusammenkommen, besteht immer die Gefahr, das etwas Unerwartetes passiert. Sicher ist man zumindest in der nächsten Zeit sensibilisiert, offensichtlich fragwürdige Sicherheitsplanungen zu erkennen und auch abzulehnen. Darüberhinaus sollen möglicherweise Haftung und Verscherungspflicht der Veranstalter erhöht werden. Doch wesentlich mehr wird man vermutlich nicht tun wollen und können, wenn man Großveranstaltungen auch künftig bezahlbar veranstalten will. Denn am Geld werden sich auch zukünftig die Geister scheiden. Weder Veranstalter noch Teilnehmer wollen den Aufpreis bezahlen, wenn die Katastrophe sich wieder zurückzieht in das Reich der vagen Eventualität.
Immerhin ist wieder ins Bewußtsein gerückt, dass sich derartige Veranstaltungen nicht hundertprozentig durchplanen kann und es ist leutselig weiterhin, wenn etwas schiefgeht, zu behaupten, dass man damit nun wirklich nicht habe rechnen können. Je nachdem, was schiefgeht, kann man es vielleicht sogar tatsächlich nicht. Aus diesem Grund ist es zukünftig wichtig, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Zum einen für die wissenschaftliche Erforschung der Dynamik solcher Massenveranstaltungen, da man bislang die ablaufenden Prozeße und Gefahren bestenfalls ansatzweise versteht. Zum anderen zum Einhalten einer Sicherheitsreserve, die mehr Sicherheits- und Rettungskräfte als Reserve vorhält für die Dinge, die eben keiner erwarten konnte. Derzeit wird aus Leichtsinn und Sparsamkeit oft zu sehr auf Kante geplant.

Wer trägt die Verantwortung?

Die zweite Frage ist die Suche nach den Verantwortlichen. Dies ist wichtig, um die Fehler im Ablauf zu rekonstruieren und künftig zu vermeiden. Gegebenenfalls müssen unfähige Personen oder Strukturen ersetzt werden. Doch die Frage nach der Verantwortung geht darüber hinaus. Es geht um Rechenschaft, Schuld und auch Strafe. Der in den Augen vieler ist der Hauptverantwortliche der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, dessen sofortiger Rücktritt darum gefordert wird.

So wie es aussieht, hat Sauerland zumindest einen gravierenden Fehler gemacht. Er wollte wohl die Loveparade in Duisburg und war anscheinend bereit, sein politisches Gewicht einzusetzen, um die Veranstaltung wider eventueller Bedenken durch die Bürokratie zu boxen. Das schien damals durchaus sinnvoll für die Stadt, die sich sorgt, ihren Bürgern etwas bieten zu können und für die Teilnehmer, die etwas geboten haben wollten. Wäre alles gut gegangen, hätte Sauerland alles richtig gemacht – hätte er die Veranstaltung aus Sicherheitsbedenken abgelehnt, wäre er vielleicht als konservativer Bürokrat zum Buhmann geworden. Im Nachhinein haben es immer alle vorher gewußt. Meist können sie aber nicht nachweisen, es auch gesagt zu haben.

Darüber hinaus ist die Loveparade ganz offensichtlich eine komplexere Angelegenheit als dass sie vom Bürgermeister alleine hätte geplant werden können. Viele Dinge müssen da ineinander greifen, damit alles funktioniert und ebenso sind viele zumindest erstmal beteiligt, wenn es nicht funktioniert. Eine alleinige Verantwortung zumindest wird es wohl nicht geben. Denn wenn der Plan des OB derart offensichtlich irre gewesen wäre, hätte man sich weigern müssen, ihn auszuführen.

Für alle Beschuldigten stellt sich natürlich ein weiteres Problem. Durch die andauernde strafrechtliche Ermittlung können Aussagen gegen die Verdächtigen verwendet werden. Leider werden dabei auch Bekundungen des Mitgefühls oder der Betrroffenheit schnell als Schuldeingeständnis interpretiert.

Ein anderes Problem ist ein ganz schnödes; insbesondere, wenn es in Zusammenhanghang gebracht wird mit dem Tod von Menschen. Es geht auch um Geld. Und zwar ganz persönlich. Dem Vernehmen nach hat der Mitveranstalter Rainer Schallers bereits Geld für die Ersthilfe für die Opfer aus seinem Privatvermögen bereit gestellt.
Doch Sauerland soll nicht spenden, sondern verzichten. Der geforderte Rücktritt würde ihn möglicherweise um seine Pensionsansprüche nicht nur aus seiner Oberbürgermeisterzeit, sondern auch aus seiner vorigen Arbeit als Oberstudienrat bringen. Der Rücktritt ist also eine Geste, die ihn richtig viel Geld kostet (möglicherweise gar um seine Altersvorsorge bringt?). Möglicherweise scheut er ihn deshalb.

Wie sieht es denn aus mit der Verantwortung?

In meinen Augen hat Sauerland Fehler gemacht. Massive, handwerkliche Fehler, deren Folgen er weder gewollt hat noch abschätzen konnte. Wenn das so ist, muss er dafür Verantwortung übernehmen. Zum einen die rechtliche und berufliche zu der von außen gezogen werden wird. Aber auch die persönliche. Den Mut, sich hinstellen und zuzugeben, Fehler gemacht zu haben und seinen Beitrag zu der Katastrophe darzulegen. Wenn er schweigt, stiehlt er sich aus dieser Verantwortung und versucht möglicherweise, einen Teil seiner Schuld auf andere oder auf den großen Unbekannten abzuladen. Das ist feige und die Worte einer persönlichen Betroffenheit klingen vor einem solchen Hintergrund hohl.

Anscheinend versucht der Oberbürgermeister nun, seine Haut zu retten und seine persönliche Katastrophe zu minimieren. Das ist nicht edel, sondern moralisch abstoßend. Doch sei die Frage gestattet, wie es denn generell mit dem Verantwortungsbewußtsein aussieht bei denen, die nun nach Verantwortung rufen. Würden sie reden, wenn ihnen vielleicht der Anwalt mit drastischen Worten klar gemacht hat, dass es besser ist den Mund zu halten? Würden sie ihren Job kündigen und Gehalt und Rente zurückzahlen, wenn sie einen gravierenden Fehler in ihrem Beruf machten? Würden sie das wahre Ausmaß ihrer Schuld ohne Beschönigung offen legen? Und wo sind die Spenden all dieser Leute an die Opfer?

Fazit

Es wurden Fehler gemacht. Tödliche Fehler. Ein Oberbürgermeister, der dafür mutmaßlich verantwortlich ist, aber seiner Stadt nichts dazu sagen kann, kann dieses Amt nicht weiter ausüben. Seine Abwahl zu fordern, ist korrekt und erforderlich. Doch darf man das Problem nicht darauf verkürzen. Es müssen Lehren für die Zukunft gezogen werden. Von den Veranstaltern. Auch von den Teilnehmern. Und jeder sollte sich einmal fragen, wie er selbst das hält mit der Verantwortung, wenn es hart auf hart kommt.

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