Naive Bewertung der Ratingagenturen

EU-Kommissarin Reding will Rating-Riesen zerschlagen“ und auch Bundespräsident „Christian Wulff greift Ratingagenturen an„. Frau Reding sagt „Europa dürfe sich von ihnen nicht den Euro kaputtmachen lassen.“ und „Bei der Bewertung von Staaten und Unternehmen seien mehr Transparenz und mehr Wettbewerb nötig“. Wulff fordert mehr Verantwortung ein, denn „er habe bisher nicht gelesen, dass eine Ratingagentur für irgendeine Fehleinschätzung in der Bewertung einer Firma oder einer Bank gehaftet habe“.

Zum Glück habe ich nie etwas mit Wirtschaft studiert, so dass mir die Möglichkeit eines laienhaften Verwunderns offen steht. So weit wie ich es verstehe, gibt es in den USA drei große Ratingagenturen, die eine weltweite Bekanntheit haben. Die Dienstleistungen dieser Firmen ist es, die wirtschaftliche Lage von Firmen, Staaten und Finanzprodukten zu bewerten. Das ist soweit ganz in Ordnung, scheint mir. Leider führten zwei Schönheitsfehler dazu, dass es dummerweise vor einigen Jahren eine kleine Finanzkrise gab.

Zum einen mussten die Ratingagenturen Geld verdienen und das bekamen sie oft von den Firmen, deren Geschäftsmodelle und Finanzprodukte sie bewerteten. Solche bezahlten Studien fallen dann nicht nur in der Wirtschaft oft erstaunlich positiv aus. Das zweite Problem ist die Hörigkeit der (institutionellen) Anleger, die ihr Geschäftsmodell im Vertrauen auf diese Ratings betreiben. So weit ich verstanden habe, sogar betreiben müssen, weil die Kreditwürdigkeit, die Ratingagenturen vergeben, als Maßstab für Risikobegrenzung gesetzlich verankert wurde.

Mir kommt das in etwa so vor als würde man in Deutschland drei Werbeagenturen haben, die Produkte im Fernsehen vorstellen. Für diese Spots werden sie von den Herstellerfirmen bezahlt. Zusätzlich erklärt das Verbraucherschutzministerium, dass man nur Produkte kaufen darf, die dabei eine positive Einschätzung bekommen haben. Und irgendwann wundert man sich, wenn alle Leute Übergewicht und Karies haben.

Bei der Bewertung der europäischen Staaten sind die Ratingagenturen derzeit anscheinend weniger großzügig mit guten Benotungen und zumindest im Fall Griechenlands scheinen sie mir dabei auch recht nahe an den wahren katastrophalen Verhältnissen zu liegen. Derzeit aber ist die Wahrheit auszusprechen, für Europa nicht mehr so wünschenswert.

Insofern kann ich Frau Reding nur zustimmen: Wozu braucht man da noch Ratingagenturen? Wieviel einfacher wäre es, wenn Firmen ihre Produkte und Staaten ihre Kreditwürdigkeit einfach selbst bewerten schließlich wissen sie nicht nur am besten Bescheid, sondern sie wissen ja auch selbst am besten, was Ratingagenturen bewerten sollen.

Um zu etwas mehr Ernsthaftigkeit zurückzukehren. Mir sind Ratingagenturen auch unheimlich, wegen ihres faktischen Einflusses. Das ist jedoch in erster Linie nicht den Agenturen, sondern den Anlegern und Gesetzgebern anzulasten, die den Agenturen so viel Glauben schenken. Wo nicht mehr selbst gedacht wird, begibt man sich eben in Abhängigkeit. Und dabei brauchen Ratingagenturen nicht mal opportunisch oder bösartig raten, es reicht ja schon, wenn sie sich irren, um eine weitere Schockwelle durch die Finanzmärkte zu schicken.

Und dort ist auch das zweite Problem zu suchen, nämlich in den gierigen unstrukturierten Finanzmärkten, die eine wirtschaftliche Bedeutung eingenommen haben, die ihnen mit gewaltigem Abstand nicht zusteht. Wenn Ratingagenturen also so viel Einfluss haben, liegt das nicht zuerst an ihnen, sondern an der Macht der Kapitalmärkte. Die Ratingagenturen sind daher nur ein Problem im Problem. Jede Verbesserung bei ihnen würde bestenfalls Symptome ändern.

Aber vielleicht können andere Blogs das ja kompetenter beurteilen als ich:

Sündenbock Ratingagentur (Link nicht mehr gefunden)
Sich ständig wiederholende Kritik an Ratingagenturen ermüdet

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2 Antworten

  1. dels sagt:

    Das ist doch ein sehr passender Kommentar. Ich glaube manchmal ist es besser, wenn man nicht Wirtschafts studiert hat, um den täglichen Irrwitz der praktischen Ökonomie zu erkennen.

    Wir Ökonomen bzw. Betriebswirte verstecken uns gern in wissenschaftlichen Begriffsungetümen, die Genauigkeit suggerieren. Dabei sind wir von der Perfektion etwa der Natur- oder Ingenieurwissenschaften meilenweit entfernt und können diese vermutlich nie erreichen.

  2. Aerar sagt:

    Ja, das ist ein Problem der Wirtschaftswissenschaften und auch vieler anderer Wissenschaften, in denen die Zusammenhänge entweder zu komplex oder Ansichtssache sind. Auch in den Naturwissenschaften gibt es das Problem, nicht zuletzt für die Meteorologen beim Wetterbericht. Aber auch diese leiden bereits daran, dass sie selbst und andere sich zu sehr auf die Prognosen verlassen, weil das Wort „Prognose“ oft viel zu schnell vergessn wird. Das Problem ist letztlich aber dann gesellschaftlich, da man eben vorankommen will (was ich prinzipiell gut finde). Man plant dann eben mit dem Besten was man hat, statt stehenzubleiben bis die letzte Unsicherheit ausgeräumt ist. Nur muss man da wieder eine Grenze finden, denn wenn die Grillparty doch ins Wasser fällt, läßt sich das verschmerzen, aber in anderen Bereichen strapaziert man die Grenze derzeit doch recht arg. Bei den Ingenieuren explodieren dann Atomkraftwerke und in der Wirtschaft Finanzmärkte und Volkwirtschaften (obwohl da sagt man dann „implodieren“ dazu?). Solange man mit Wahrscheinlichkeiten rechnet, sollte man eben nur Spiele spielen, deren Umfang man beherrschen kann.

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