Rekritik: BILD oder Wulff?

Manchmal finde ich im Internet Artikel, bei denen ich versucht bin, einen Kommentar zu schreiben, aber bald merke, dass die Antwort möglicherweise zu lang werden könnte und vielleicht eher einen eigenen Artikel rechtfertigt. Dieses will ich bei Bedarf unter der Überschrift “Rekritik” tun.

Christian Soeder verneint in seinem Artikel die Frage, ob die Bildzeitung recht handelt, wenn sie in einer kampagnenartigen Aktion versucht, den Bundespräsidenten aus dem Amt zu schreiben. Ich denke, er hat damit unrecht.

Sicherlich ist die Bild-Zeitung kein Vorzeigeblatt der freien Presse und mir schon mehrfach durch negative Kampagnen aufgefallen. Zu recht ist da die Frage von Soeder erlaubt, ob die Presse, namentlich die Bild-Zeitung, berechtigt ist, die Politik auf diese Weise zu gestalten (oder auch zu manipulieren, wenn man so will). Aber auf den zweiten Blick ist diese Frage haltlos.

Presse präsentiert immer neben Informationen auch Meinungen. Selbst wenn sie rein sachlich Tatsachen berichten, entsteht die Meinungsmache durch die Auswahl der Inhalte, die ein Presseorgan für berichtenswert erachtet. Doch Meinungen sind nicht nur unvermeidbar, sondern auch wünschenwert und werden zum Beispiel in Form von Kommentar-Rubriken auch explizit geäußert. Aber es gibt wie gesagt auch keine strikte Trennung von Meinung in normalen Artikeln: Ging die Polizei „überhart gegen friedliche Demonstranten vor“ oder „musste sie eingreifen um Schlimmeres zu verhindern“? Solche Meinungen lassen sich kaum vermeiden und selbst wenn, wären Berichte unlesbare technische Beschreibungen. Presse braucht also die eigene Meinung und es ist wichtig, dass sie eine hat.

Im Fall von „Bild“ ist diese „Meinung“ meiner Meinung nach meist eindimensional, dumm oder schlichtweg falsch. Ein Grund für mich, diese Zeitung so wenig wie möglich zu lesen – doch keiner, die Zeitung zu verbieten oder einzuschränken, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes agiert. Ich habe wie Soeder ein ungutes Gefühl, wenn Zeitungen Kampagnen fahren, doch das tun sie zum einen im journalisten Alltag viel schlimmer durch Wahl ihrer Themen und außer Zeitungen tun das auch Politiker und schlimmer noch ganze (der Demokratie umso mehr verpflichtete) Parteien.

Das obige Argument ist natürlich nur ein Scheingefecht, um den Horizont der Problematik zu erweitern, denn natürlich könnte man ein Fehlverhalten nicht dadurch rechtfertigen, dass es anderswo auch Fehlverhalten gibt. Die Frage muss daher sein, ob es sich um ein Fehlverhalten handelt. Und die läßt sich mit einem klaren „Jein“ beantworten, das genau deswegen in ein „Nein“ umzudeuten ist. Im konkreten Fall finde ich die Berichterstattung in Bezug des Fehlverhaltens Wulffs durchaus in einem noch angemessenen Rahmen. In anderen Fällen stößt mir das Kampagnenhafte eher übel auf.

Doch, und das ist die entscheidende Frage, die sich daraus ergibt: Wo beginnt eine Kampagne Kampagne zu sein und wer entscheidet das? Diese Diskussion ist in meinen Augen wesentlich gefährlicher als die Kampagnenmacht der Presse, denn sie wäre ein Tor, das Gegenteil zu erreichen, nämlich die Presse mundtot zu machen.

Die Antwort ist für mich klar: immer für die Republik — also für politische Presse

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