Was Merkel machen muss

Ich habe mal das Wort „jetzt“ aus der Überschrift des aktuellen Kolumnenbeitrags von Jakob Augstein gestrichen, denn mit der Alliteration klingt es sprachlich doch noch ein bißchen schöner. Ansonsten ist der Artikel ja sprachlich ordentlich und enthält einige schöne Ideen und Formulierungen wie „Es ist das Projekt, das Ziel, der Sinn ihrer Kanzlerschaft.“

Die Idee, dass Merkels Kanzlerschaft ein Ziel braucht, ist wahrhaft schön, denn die Bundeskanzlerin ist derzeit trotz ihrer langen Regierungszeit am ehesten als die Bewahrerin des Stillstands aufgefallen. Allerdings reicht es nicht aus, ihr ein Ziel anzudichten, damit alles besser wird, denn allzu leicht kann man dabei in die falsche Richtung laufen. Und es ist auch gefährlich, denn der beste Weg, in die Geschichte einzugehen, wäre ja immer noch, einen kleinen Krieg vom Zaune zu brechen. Vielleicht ließe sich Europa ja einfach militärisch erobern, dann wäre endlich Ruhe.

Das Problem von Augsteins Artikel ist, dass er sich schön liest, aber durch die falsche Zielsetzung keinen Sinn ergibt. Und, wenn man mal zwischen den Zeilen liest, hat Augstein das bereits selbst erkannt. „Merkel muss die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit führen“ schreibt er da. Das ist zu Beginn des Satzes zwar auch fast eine Alliteration, bedeutet inhaltlich aber letztlich ein Abschaffen der Demokratie. Nicht, weil es Angela nicht prinzipiell freistünde, anders zu entscheiden als die mehrheitliche Volksmeinung, sondern, weil solches Verhalten lediglich die Politikmüdigkeit steigern würde. Angela Merkel ist beliebt, weil sie als kompetent, verläßlich und stark gilt. Das sind ihre herausragenden Eigenschaften, wie sie beim Bürger ankommen. Und zumindest die letzten beiden Attribute sind eigentlich schon zweifelhaft, wenn man an die Kirchhoff’sche Steuerreform oder an den Atomaustiegaustiegaustieg denkt. Nicht auszudenken, wenn sich Angela Merkel jetzt noch aktiv gegen die Bürgermeinung stellte.

Aber vielleicht meinte Augstein auch lediglich, dass sie ihre Überzeugungskraft und nicht ihre Entscheidungsmacht für Europa in die Waagschale werfen sollte. Das wäre dann allerdings ein langer Weg, dessen Ende kaum mehr in ihrer Legislaturzeit liegen wird, denn ganz offensichtlich sind die deutschen Bürger längst nicht bereit für Europa. In den anderen Ländern sieht es vermutlich nicht anders aus, denn Europa ist nicht Amerika, sondern hat eine viel längere Geschichte von Nationalstaaten und nationalen Identitäten, als dass man so leicht die Vereinigten Staaten von Europa bilden könnte. So wünschenswert es vielleicht sein mag. Aber im Falle eines Hopplahopp-Zusammenschlußes droht Europa nicht nur die Euro-Pleite. Aber auch das weiß Augstein eigentlich schon längst: „Europa oder nichts!“ legt er Angela Merkel als Schlachtruf in den Mund, jedoch hat er sich keine Gedanken um die wahre Bedeutung dieses Satzes gemacht.

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