Erklärbulle und Erklärbär

Während Bären an der Börse meist für schlechte Zeiten stehen, deuten Bullen dort wirtschaftlich gute Zeiten an. Spiegel Online hat anscheinend zwei Autoren, die dort immer wieder das herauspicken, was ihnen wichtig erscheint und das sie den Lesern unbedingt „erklären“ müssen. Während ich die Deflationsapokalysen von Wolfgang Münchau mittlerweile gar nicht mehr lese, drängt sich ein weiterer SpOn-Autor mit Macht auf meine NoRead-Liste, nämlich Henrik Müller. In seinem letzten Artikel versucht er etwa zu beschreiben, dass die Armutsschere in Deutschland gar nicht so schlimm sei. Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob er das will, denn letztlich bleibt mir die Argumentation zu wirr. Denn das Problem, welches ich mit dem Artikel habe, ist ja nicht, dass Herr Müller hier anderer Meinungs ist als ich. Für problemetisch halte ich nur die, in meinen Augen nicht vorhandene beziehungsweise suggestive, „Argumentation“ des Herrn Müller, der laut Beschreibung immerhin Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Universität Dortmund ist. Diese Argumentation halte ich persönlich ein recht schlechtes Aushängeschild für diese Uni und auch für Spiegel Online und deren Fähigkeit der Meinungsbildung.

Im Folgenden ganz grob ein paar Punkte, die mir an dem Artikel missfallen: Der Titel „Warum Deutschland doch nicht auseinanderfällt“ ist grundlos polemisch und bagatellisiert unnötig ein doch ernstes Thema. In der Folge kommt eine grobe nicht ganz wertfreie Bestandsaufnahme, die ich ja noch durchgehen lasse. Dann wird als Begründung dieser Bestandsaufnahme ein „Gini-Koeffizient“ angeführt. Leider muss ich mich hier dem Bildungshorizont des Herrn Müller bereits geschlagen geben, denn leider verrät er mir über diesen Koeffizienten nicht viel mehr, als dass dieser das „gebräuchslichste Verteilungsmaß“ sei. Leider bin ich ohne weitere Nachforschung nicht in der Lage, zu bewerten, was es bedeutet, wenn dieser „etwas gesunken“ ist. Vermutlich erwartet Herr Müller aber, dass ich ihm an dieser Stelle einfach mal glaube. Immerhin liefert er anschließend eine prozentuale Veränderungsrate, die zwar eigentlich ebenso eine Erklärung bräuchte, aber mir immerhin verständlicher erscheint. Erstaunlicherweise bekennt Herr Müller hier sogar ohne Not für die eigene Argumentationsline, dass dieser Anstieg dramatisch sein könnte. Insofern muss man ihm hier zugute halten, dass er tatsächlich versucht, zu differenzieren.

Jedoch begrenzt er seine Argumentation gleich wieder mit der Aussage „Die Zahlen für die Vermögensverteilung sind seit Anfang der 2000er Jahre weitgehend konstant“. Dies beißt sich in meinen Augen nicht nur mit den zuvor genannten prozentualen Zahlen, sondern verkennt auch den wesentlichen Kern, nämlich eine real existierende Ungleichheit des Besitzstandes der unterschiedlichen Schichten. Dass deren Zuwachs eventuell geringer ausfällt oder gar stagniert ist zwar eine vordergründig beruhigende Nachricht, die jedoch nicht die These festigt, die zumindest ich in Titel und Teaser verstanden habe, nämlich ein Alles ist Gut. Es sei denn natürlich, der bestehenden Ungleichheit soll hier im Mantel eventuell guter Nachrichten die Absolution erteilt werden. Aber so ganz klar ist das ohnehin alles nicht in diesem Artikel. Darum: Weiter so, Deutschland – wenn ich es recht verstanden habe.

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1 Antwort

  1. 13. Mai 2014

    […] Ich habe mich getäuscht: Wolfgang Münchau dringt doch noch durch meinen Feedreader. Wobei ich zugeben muss, dass der aktuelle Artikel ein, im Vergleich zu den sonstigen Artikeln, sehr guter Artikel ist. Es geht natürlich wieder um Inflation, aber hauptsächlich um negative Zinsen. […]

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