Nichtwähler sind keine Wähler

Neunmalkluges Gewäsch

Regelmäßig nach jeder Wahl wird von einigen gerne darüber philosophiert, dass die „Fraktion der Nichtwähler“ die eigentlich stärkste Fraktion ist und die Wahlgewinner somit eigentlich keine wirkliche demokratische Legitimation hätten. Besonders anstrengend wird es, wenn derart Neunmalkluge dann auch noch versuchen, den wahren Wählerwillen der Nichtwähler zu ergründen, um dann nach haarsträubenden Algorithmen die „Nichtwähler-Stimmen“ so auf andere Parteien zu übertragen, dass sich irgendein anderer Wahlausgang in Wirklichkeit zwingend ergeben hätte. Für alle, die es leid sind, jedes mal darauf antworten zu müssen, versuche ich ihr eine kurze Antwort, so dass es in Zukunft vielleicht ja ausreicht, einfach auf diese zu verweisen.

Sie haben die Wahl nicht zu wählen…

In einer demokratischen Wahl haben alle Wahlberechtigten die freie Entscheidung, an dieser Wahl teilzunehmen oder nicht. Obwohl jede Stimme einen gewaltigen Wert hat, sind die Gründe, an dieser Wahl nicht teilzunehmen, vielfältig:

In Frage kommen Ablehnung des politischen Systems, Desinteresse an Politik im Allgemeinen, praktische Hinderungsgründe und einfach Faulheit. In fast allen Fällen läßt sich feststellen, dass der Nichtwähler keine Partei gefunden hat, deren Unterstützung ihn motiviert hätte, zu wählen. Er hat sich bewußt dafür entschieden, die Entscheidung der anderen Wähler zu akzeptieren. Insofern könnte man die Nichtwählerstimmen entsprechend des Wahlergebnisses einfach auf die Parteien verteilen. Oder eben gar nicht erst berücksichtigen, so wie es auch von den Nichtwählern gemeint war.

…und sie müssen dafür die Konsequenzen tragen

Statt die Stimmen in Gedanken auf die Parteien zu verteilen, könnte man es auch mit Max Frisch halten:

„Wer sich nicht mit Politik befaßt, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.“

Nichtwähler haben auch die Möglichkeit verpasst, „das kleinste Übel zu wählen“ und zudem das Recht verspielt, sich über den Wahlausgang glaubhaft zu beschweren. Mit jeder Stimme kann man ein politisches Zeichen setzen und zudem der gewählten Partei eine Unterstützung in Form von Wahlkostenbeihilfe zukommen lassen. Wer von seiner Stimme nicht Gebrauch macht, kann auch nicht erhört werden.

Nichtwählen ist (k)ein Problem

Nichtwähler zeigen durch ihr Verhalten ein gewisses Desinteresse an Politik. Viele besitzen dieses Desinteresse tatsächlich oder sind einfach zu bequem. Das ist schade und zu beklagen, aber Desinteresse ist nicht notwendig eine Ablehnung der Demokratie. Viele Wähler, die solches Desinteresse anprangern, haben selbst eklatante Schwierigkeiten, die Politik auf der oft wichtigeren europäischen oder gar weltpolitischen Bühne zu verfolgen. Weil sie daran kein Interesse haben. Wer selber zur Wahl gegangen ist, hat es trotzdem zumeist den anderen überlassen, an Sonntagmorgenen in Fußgängerzonen Wahlkampf für die eigene Partei zu machen. Aus reiner Faulheit oder netter ausgedrückt hatte keine Partei diesen Aufwand gerechtfertigt. Nichtwähler sind letztlich also kein Problem, sondern die Folge einer individuellen und freien Entscheidung einer demokratischen Wahl. Mit den Ursachen der Nichtwählerschaft kann man sich kritisch auseinandersetzen, nicht aber etwas hineininterpretieren, was dort nicht vorhanden ist.

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