Bürgerpflicht

Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.

Endlich wird der Bürger in die Terrorbekämpfung einbezogen. Vorratsdatenspeicherung, Polizisten mit Maschinenpistolen an Bahnhöfen das sind Dinge, die man als Bürger ja nicht beeinflussen kann. Aber in meiner Nachbarschaft kenne ich mich aus.

Im Erdgeschoß wohnen drei Junge Männer, die man nur selten sieht, weil sie diese invertierte japanische Flagge mit dem schwarzen Kreuz ins Fenster gehängt haben. Die Japaner waren ja damals unsere Freunde, diese Anti-Japaner darum sicher nicht. Aber als ich meiner Staatsbürgerpflicht genüge und an ihrer Tür lausche, bin ich beruhigt. Sie reden über Nationalstolz, Ausländer verprügeln und Holocaust-Lüge. Auf jeden Fall deutsch – keine Gefahr also.

Wenn man erst mal so einen Terroristen im Haus hat, dann färbt das ja auch auf einen ab. Also weiter geguckt im ersten Stock, wo der Investmentbanker wohnt. Der hat mir im Hausflur mal eine Anlage verkaufen wollen. Hat dabei soviele Fremdworte verwendet – das war garantiert kein deutsch. Leider wohnt er allein. Hat er noch mal Glück gehabt.

Oben im zweiten wohnt ein junges Ehepaar mit Kind. Das macht drei. Die reden nicht viel. Sehr verdächtig. Sitzen immer auf der Bank vor dem Haus und trinken Bier. Die Frau ist ziemlich blöd, weil sie immer die Treppe runterfällt. Daher die ganzen Blessuren im Gesicht. Aber Dummheit ist ja kein Verbrechen. Und wenn die nachts ihr Kind schlagen und der Dreijährige dann allein auf der Fußmatte auf dem Flur schlafen muss und die ganze Nacht weint, dann finde ich das eine sehr offene Einstellung. Wer sein Familienleben so nach außen trägt, hat bestimmt keine Geheimnisse.

Im Hausflur werde ich endlich fündig. Drei Männer, einer sogar mit Bart, in grünen Uniformen kommen mir entgegen. Hier in der Gegend trägt man so etwas nicht. Sie nehmen mich gleich mit. Die Studenten aus dem Dritten haben mich angeschwärzt. Weil ich mich immer beschwert habe, dass sie nachts so laut diese ausländische Rockmusik hören. Es sind übrigens drei. Studenten. Jetzt wird alles klar. Aber leider will keiner auf mich hören.

Aber zum Glück bin ich nicht der einzige, der sich falsch verstanden fühlt.

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