Wikikratie

Das in der Überschrift erschaffene Kunstwort setzt sich zusammen aus Wikipedia und -kratie. Ob es sich dabei um Demokratie, Bürokratie oder eine andere -kratie handelt, darüber scheinen sich derzeit nicht alle Benutzer der Onlineenzyklopedie einig zu sein. Aktueller Anlass ist die Löschung des Artikels über den Vereins MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren, der nun für Verstimmung und Meinungsverschiedenheit sorgt. Neben der Argumentation auf den eigentlichen Wikipedia-Löschseiten, finden sich mittlerweile zahlreiche Diskussionsbeiträge im Internet wie zum Beispiel einige teils bissige teils humorvolle bei Fefe, angedachten Enterphantasien bei den Piraten und ein möglicherweise etwas distanzierter Beitrag bei Netzpolitik.

Nun will ich gar nicht in die Diskussion mit einsteigen, ob in dem konkreten Fall eine Löschung berechtigt sein könnte oder nicht. Vielmehr stellt der Fall für mich grundsätzlich die Frage nach der qualitativen und inhaltlichen Richtung, die die Wikipedia einschlägt und wer das eigentlich bestimmt.

Die Frage hat durchaus einige Relevanz, denn ähnlich wie die großen Suchmaschinenbetreiber hat die Wikipedia einen wesentlichen Einfluss auf die gesellschaftliche Meinungsbildung. Ein Eintrag in der Wikipedia ist mit nicht geringer Reputation verbunden, während die Verweigerung des Eintrags Irrelevanz impliziert und die Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit mindert.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sich viele dazu berufen fühlen, aus Eigeninteresse oder in vollständiger Verkennung des allgemeinen Interesses sich selbst, ihre Produkte oder ihre Lieblingskatze mit einem Wikipediaartikel zu beehren. Dieses bringt allerdings bereits die erste grundsätzliche Frage auf. Nämlich, ob es der Wikipedia dienlich ist, über objektiv irrelevantes und nicht nachprüfbares berichten zu wollen oder nicht. Solange die gemeinhin als relevant anerkannten Artikel von derartigen Eskapen nicht beeinflusst werden, könnte man den Selbstvermarktern doch möglicherweise ihre selbsterschaffenen Spielwiesen überlassen. Allerdings erscheinen all diese Artikel dann auch in den Ergebnissen der Suchmaschinenbetreiber und in den Indizes der Wikipedia selber. Nicht zuletzt kann der Benutzer dann nicht mehr auf Qualität vertrauen, was den Wert der anderen Artikel und der Wikipedia an sich reduziert. Wenn man jedoch Qualitätsstandards setzt, wird es in ihrer Setzung, Auslegung und Anwendung nicht immer zu einer einheitlichen Line führen können und in den Grenzfällen kommt es dann zu grotesken oder umstrittenen Entscheidungen, die ebenso dem Ansehen der Wikipedia schaden können.

Darum ist es umso wichtiger, dass Entscheidungen transparent und (möglichst) nachvollziehbar getroffen werden und das beim Ringen um diese Entscheidungen Befürworter als auch Gegner ein es Artikels oder einer Formulierung sachlich und ergebnisorientiert miteinander diskutieren. Dazu gibt es Lösch- und Änderungsdiskussionen. Doch auch die vorbildlichste Diskussion braucht am Ende eine Entscheidung, da ein Artikel in den seltesten Fällen halb gelöscht und halb existent bleiben kann. Die Vollstreckungsgewalt liegt dabei bei den Administratoren, die das Recht haben, Artikel zu löschen, zu sperren und ihre Neuanlage zu verhindern. Sie haben die Hauptarbeit (da sie das regelmäßig tun auch im Vergleich zum Schreiber eines unter Umständen ausführlichen Einzelartikels) und die Hauptverantwortung.

Als routinierte und previllegierte Nutzer besteht jedoch die prinzipielle Gefahr, dass sie zu Arroganz oder im schlimmsten Fall gar zu Corpsgeist neigen könnten. Wenn es so wäre, wäre es schlimm, da es nach heutiger Wikipedia-Statistik nur 337 Administratoren gibt, die das letzte Wort über die Artikel von 851.093 eingetragenen und noch mehr anonymen Benutzern haben. Da es allein schon durch die vorhandenen Fachkenntnisse innerhalb der Administratoren Untergruppen und „Einzelkämpfer“ gibt, hat am Ende eine noch geringere Zahl von Freiwilligen die letztliche Deutungshoheit über die Aufnahme und die Inhaltsversionen von Artikeln.

Um es deutlich zu sagen, handelt es sich dabei um „könnte“, „hätte“, „wäre“ und soll auf keinen Fall die wertvolle und ehrenamtliche Arbeit der Administratoren diskreditieren. Nur falls es tatsächlich „schwarze Schafe“, „übereifrige Bürokraten“ geben sollte müssten sie von den normalen Nutzern bewertet und im schlimmsten Fall auch abgesetzt werden können. Um auf der anderen Seite die Administartoren vor ungerechtfertigten, enttäuschten Rachegelüsten zu schützen, müsste es auch dafür (das können wir Deutschen ja ganz gut) eine Regelung geben.

Mein spontaner Vorschlag wäre in etwa so. Wenn sich eine bestimmte Zahl von Nutzern über das Verhalten eines Administrators in einem Einzelfall beschwert, wird eine Schiedskommision aus drei zufällig(!) ermittelten anderen Administratoren über das Verhalten entscheiden und ggf. eine Ermahnung aussprechen. Nach einer Häufung von Ermahnungen müsste ein Administrator dann sein Previleg verlieren. Die Hürde müsste allerdings so hoch sein, dass Administratoren weiterhin ihre eigentliche Arbeit machen könnten und nicht ständig übereinander Gericht halten müssten.

Andere Vorschläge sind sicherlich ebenso denkbar, ansonsten bleibt vielen zu recht oder unrecht enttäuschten nur die Abkehr von der Wikipedia oder die vermeintliche Notwehr in Artikel wie diesem, die ohnehin etwa zwei Minuten(!) darauf (nach Relevanzkriterien an dieser Stelle eindeutig zu Recht) gelöscht worden (die persönlichen Daten habe ich mal durch Großbuchstaben anonymisiert):

Ich habe im Artikel X einen Beitrag gemacht. Anderen Benutzern gefiel dieser Beitrag nicht. Diese haben daraufhin einen Editwar gegen mich begonnen. Administrator A hat mich sogar persönlich angegriffen (und geduzt). Administrator B hat mich auf unbeschränkte Zeit gesperrt siehe hier.

Ich habe meinen Beitrag im Artikel X über die IP Y.Y.Y.Y beendet. Heute hat niemenad mehr irgendwelche Einwände gegen meinen Beitrag.

Ich habe mich beim sperrenden Administrator nach der Begründung erkundigt siehe hier. Dieser konnte keine wirkliche Begründung für die Sperrung geben und die angegebene allgemein gehaltene Begründung kann nicht angenommen werden.

Administrator A hat hinzugefügt, dass sie/er meinen Beitrag für nicht neutral hielt und deshalb einen Editwar gegen mich gestartet hat. Allerdings, hat sich A nicht an die vorgegebenen Richtlinien der Wikipedia gehalten wie sie hier vorgeschrieben sind. Dort sind die Folgenden Schritte vorgeschrieben:

(1) Wer das Thema ausreichend kennt oder über entsprechende Quellen verfügt, kann den Artikel entsprechend umschreiben/erweitern.

(2) Eine andere, höflichere Möglichkeit ist, die nicht neutral erscheinenden Teile auf die Diskussionsseite auszulagern mit einer – bestenfalls argumentativ schlüssigen – Bitte an den Autor, sie umzuformulieren.

(3) Die Ultima ratio bei Artikeln, die als nicht „neutralisierbar“ erscheinen, ist, einen Löschantrag zu stellen. In diesem Fall ist auf den Löschkandidaten zu begründen, warum eine Überarbeitung nicht möglich oder sinnvoll ist, damit andere Personen den Grund des Löschantrags nachvollziehen können. Artikel, in denen ein oder mehrere Standpunkte nur ungenügend erklärt werden, lassen sich nicht dadurch neutraler gestalten, indem man den Gegenstandpunkt kürzt. Stattdessen sollte darauf hingewirkt werden, dass der nur ungenau erklärte Standpunkt besser begründet und ausformuliert wird

Dies ist nicht geschehen. Ich wäre bereit über den Mangel an Neutralität mit anderen Nutzern zu diskutieren. Statt dessen hat man sofort einen Editwar gegen mich begonnen. Auch Administrator A hat mich auf meiner Diskussionsseite einfach nur angepöbelt (kein Link, da ich gesperrt bin) statt über den Mangel an Neutralität mit mir zu diskutieren.

Ausserdem steht in den Regeln der Wikipedia, dass Administratoren einen Benutzer nur dann sperren können, wenn er wiederholt gegen die Grundprinzipien der Wikipedia verstößt siehe hier. Allerdings trifft dies nicht auf mich zu. Mir kann man schlimmstenfalls vorwerfen, dass ich eine nichtneutrale Ergänzung zum Artikel gemacht habe, und dann am Editwar beteiligt war. Aber die angeblich nicht neutrale Ergänzung war einmalig und nicht wiederholt.

Ein Editwar ist gemäß den Regeln der Wikipedia keine ausreichende Begründung, um einen Benutzer auf unbefristete Zeit zu sperren siehe hier. Dort heißt es:“In Extremfällen können ein oder mehrere „Krieger“ vorübergehend gesperrt werden, so dass sie keine Wikipedia-Artikel mehr bearbeiten können. “ Eine „UNBEFRISTETE“ Sperrung ist somit nicht gerechtfertigt.

Aus diesem Grund habe ich eine Sperrprüfung beantragt. Die Sperre wurde von C für berechtigt befunden siehe hier. Allerdings ist die Begründung sehr schwach. Diese lautet: „Die Gründe nennt zutreffend die von mir bestätigte Sperrbegründung. Mit meinen Worten: Der Account hatte insgesamt sechs Edits, alle im Artikel X. Vier davon dienten dem Wiedereinfügen von begründet revertierten, gegen den NPOV verstoßenden Zwischenüberschriften per Editwar. Die Diskussionsseite wurde nicht benutzt, Belege für die verwendeten Zuschreibungen nicht erbracht. Auch die hier in der Sperrprüfung nachgelieferten Erklärungen geben nur den POV des Antragstellers wieder“.

Wie bereits erwähnt, kann ein Editwar eine nur vorübergehende Sperre hervorrufen siehe hier.

Ein nicht neutral empfundener Artikel, bzw. eine nicht neutral empfundene Ergänzung zum Artikel, kann nach den Wikipedia regeln keine Begründung für eine Revertierung sein hier. Dort ist eine völlig andere Vorgehensweise vorgeschrieben (siehe oben).

Über die IP Z.Z.Z.Z  habe ich auf der Diskussionseite der Sperrprüfung die Administratoren angefordert, die unbefristete Sperre mit den Regeln der Wikipedia zu erläutern siehe hier. Dort habe ich erklärt, dass man mir schlimmstenfalls Folgendes vorwerfen kann. Eine nicht neutrale Ergänzung zum Artikel, und dann Editwar. Aber die angeblich nicht neutrale Ergänzung war einmalig und nicht wiederholt. Somit bleibt eine UNBEFRISTETE Sperrung gemäß den Regeln der Wikipedia unberechtigt siehe hier..

Leider wurde meine Anfrage nicht beantwortet. Stattdessen haben D und E meine Anfrage einfach gelöscht siehe hier!!! Dabei steht auf der Projektseite doch ganz deutlich, dass eine Machfrage auf die Diskussionsseite gehört siehe hier!!! Dort heißt es: „Für vertiefende Diskussionen und/oder Kritik zu einem bereits abgeschlossenen Antrag steht die Diskussionsseite zur Verfügung“. Wo ist die wahre Begründung der „unbefristeten Sperre“ anhand der Wikipedia-Regeln??? [….]

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5 Antworten

  1. Schöner „unaufgeregter“ Beitrag. Zu deinem Vorschlag zur Admin-Abwahl, siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Administratoren/De-Admin

    Dieses Verfahren ist für schweres Fehlverhalten vorgesehen.

  2. Aerar sagt:

    Vielen Dank, für den Link und für das nette „unaufgeregt“ – ich mag dieses Wort.

    Ich habe auch noch mal ein wenig gestöbert und festgestellt, dass es bei den Administratoren wohl auch nicht immer ohne Aufregung und Nachtreten abgeht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer_Diskussion:Hans_Koberger#VM
    Trotzdem bin ich weiterhin der Hoffnung und auch der Meinung, dass es sich dabei um Einzelfälle handelt.

    Insbesondere scheinen sich auch die Administartoren selber der Problematik bewusst zu sein:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbilder/Admin-Wiederwahl_3

  3. Ja, in den Kritiken schwingt immer mit, dass es eine homogene Gruppe von Personen geben würde („die Admins“, „die Wikipedianer“). Das ist jedoch falsch.

    Die Wikipedianer sind ein buntes Völkchen – genauer gesagt, sind sie auf den ersten Blick vollkommen inkompatibel miteinander. Da gibt es den 14-jährigen Inklusionististen genau wie den 67-jährigen Exklusionisten, die miteinander auskommen müssen.

    Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den Admins wieder – die selten zu einem Thema die gleiche Meinung teilen. Es ist in der Wikipedia systemimmanent, dass um alles und jedes gestritten und gerungen wird. Dazu gehören auch durchaus Löschungen und durch Löschprüfungen rückgängig gemachte Löschungen, wie im Fall der Weiterleitung unter dem Lemma „Zensursula“.

    Trotz der momentan hochgekochten Aufregung bin ich seit Anbeginn immer wieder überrascht, wie gut das System eigentlich funktioniert – gemessen am Output. (Was natürlich nicht heißt, dass es nicht genug zu kritisieren gibt.)

  4. Aerar sagt:

    „Die Wikipedianer sind ein buntes Völkchen – genauer gesagt, sind sie auf den ersten Blick vollkommen inkompatibel miteinander“

    Das ist auch sehr gut so, denn so werden alle Aspekte berücksichtigt, denn weder der 14-jährige Inklusionistist noch der 67-jährige Exklusionist hat automatisch immer recht oder unrecht. Die Wikipedia soll eine zwar eine möglichst einheitliche Massenmeinung (was ja den Widerspruch schon in sich beinhaltet) aber auf keinen Fall eine Einheitsmeinung sein.

    Sobald allerdings persönliche Befindlichkeiten, Beleidigungen und ähnliches in Spiel kommen, kommt es zu Grabenkämpfen, die in der Sache niemanden weiter bringen. Da die Administratoren letztlich am längeren Hebel sitzen, gilt für sie diese Regel noch viel strenger als sie schon für normale Nutzer gelten muss.

    PS: Ich habe die beiden Links aus meinem vorigen Post einmal in die Diskussion auf deiner Seite eingeworfen. Ich hoffe das ist Dir recht.

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